„Das Pferd verarscht dich doch nur“
„Dein Pferd braucht eine harte Hand!“
„Setzt dich mal richtig durch!“
„Zeig ihm wer der Boss ist!“

Dies sind einige von vielen Sätzen, die ich in meiner Kindheit in Bezug mit Pferden öfter gehört habe: Heute kann und möchte ich sie nicht mehr hören 🙈 Es sind für mich Sätze, die jemand sagt ohne darüber nachzudenken welche Bedeutung sie haben.

Meistens wird einem dann noch von dem Jenigen der sie ausgesprochen hat empfohlen, wie man nun auf dieses Verhalten reagieren soll.

Aus meiner Erfahrung kann ich sagen, geht die empfohlene Reaktion meistens mit Gewalt einher – das Pferd soll in seine Grenzen verwiesen werden und uns gefälligst nochmal Respekt zollen.

Aus meiner Sicht, ist genau Das ein großer Fehler.

Wer Gewalt an einem Lebewesen anwendet, damit meine ich z.B. auf das Tier zur Bestrafung einschlägt, hat in meinen Augen nichts an einem Lebewesen zu suchen.

Eins möchte ich denjenigen die so handeln sagen:
DURCH GEWALT ERREICHT MAN KEINEN RESPEKT UND WIRD NIEMALS HARMONISCH MIT SEINEM PFERD ZUSAMMEN LEBEN KÖNNEN.

Das einzige was man damit erreicht ist eine Gehorsamkeit die auf Angst und Resignation (vielleicht auch Wut) basiert.

JA, das Pferd wird denjenigen die so handeln bis zu einem bestimmten Punkt gehorchen. Es wird aber immer etwas geben wovor es noch mehr Angst hat und spätestens dann habt ihr ein riesiges Problem!

Außerdem sind das alles Gefühle, die ich bei meinem Pferd nicht verursachen möchte. Ich möchte, dass sich mein Pferd bei mir wohl fühlt und gern bei mir ist.

Ich möchte ein folgsames Pferd haben und kein gehorsames. Zwischen diesen beiden kleinen Wörtern liegt ein großer Unterschied.

Ein Beispiel für diese beiden Wörter um den Unterschied zu verdeutlichen hat ein wirklich toller Horseman Ralf Heil vom Birkenhof gemacht.

Gehorsam:
Ich gebe einen „Befehl“ und mein Pferd führt es aus, da es Angst vor der Konsequenz hat.
Zum Beispiel: „Duuu, holst du mir mal ein Flasche Bier, ansonsten -> Gucke mal, mein Bizeps ist dicker als deiner!“

Folgsam:
Ich stelle eine Frage und mein Pferd trifft die Entscheidung mir zu folgen mit mir mitzugehen. Das ist die Antwort dazu.
Zum Beispiel: „Hey, ich fühle mich so wohl bei dir, wollen wir ein Bier zusammen Trinken?“

Ich hoffe es wird deutlich was ich mein. Ich möchte mit meinem Partner eine harmonische Beziehung führen. Deswegen mache ich „Vorschläge“ denen mein Pferd folgen kann.

Jetzt nehme ich den für mich schlimmsten Satz von allen „auseinander“.

„Das Pferd verarscht dich doch nur“

Eins vorweg – Pferde verarschen uns nicht!
Pferde sind Tiere und keine Menschen. Sie leben im Hier und Jetzt und handeln ohne Hintergedanken. Sie sind kooperativ und harmoniebedürftig. Es sind Herdentiere 💚 Damit haben sie uns, in so manchen Dingen Einiges voraus 😅

Ein NEIN von meinem Pferd ist für mich ein Anlass genauer zuzuhören !

Das hat für mich aber nichts mit verarschen zu tun, sondern, dass es die von mir gewünschte Reaktion oder Aktion gerade nicht leisten kann. Das kann viele Gründe haben, zum Beispiel, dass es eine Pause braucht, dass es Schmerzen hat, dass es Stress hat, das ich mit zu viel Druck arbeite, dass ich mich nicht klar genug Ausgedrückt habe oder etwas ganz Anderes.

Ich sehe es als meine Aufgabe an, herauszufinden, warum mein Pferd „Nein“ sagt.

Es ist wie bei einem Computer, das Problem sitzt meist davor.

Ich habe mir irgendwann die Frage gestellt,
„Wie würde ich mich fühlen, wenn ich mit Migräne aufwache und einfach nur liegen bleiben will, aber mit meinem Partner z.B. noch 10 km Joggen muss, weil ich es ihm versprochen habe.“

Richtig, es würde mir dadurch noch viel schlechter gehen oder ich könnte es gar nicht erst erfüllen. Ich würde NEIN sagen! Und genau Das, darf mein Pferd auch zu mir sagen. Das heißt nicht, dass ich mein Pferd „Vermenschliche“.

Dieses Umdenken hat damals einen Schalter bei mir umgelegt und hat zu der harmonischen und friedvollen Beziehung geführt, die wir heute führen.

NED und ich

Ein Satz der mich in meiner Kindheit sehr geprägt hat und weswegen ich damals sogar für einen längeren Zeitraum nicht mehr zum Reitunterricht gegangen bin ist:

„SETZ DICH DURCH!“

dieser Satz ist für mich gleichzusetzen mit „Dein Pferd braucht eine harte Hand!“ und „Zeig ihm werd der Boss ist!“

Es war ein sehr prägendes Ereignis. Ich war mit meinen Großeltern zum Reiten und habe das Pony Dixi fertig gemacht. Als ich dann mit ihr durch die Stallgasse zur Reithalle ging, bemerkte ich in einer Box, etwas weiter vorn, wie ein Mann mit einer Gerte in der Hand auf ein Pferd einprügelte. Das Pferd hatte in meiner Erinnerung weit aufgerissene Augen und viele rote Striemen. Ich machte auf dem Absatz kehrt und sattelte Dixi ab, brachte sie zurück in die Box und ging zu meinen Großeltern, denen ich erzählte das die Reitstunde ausfiel.

Das alles sind Kindheitserinnerungen und ich weiß heute natürlich nicht wie es wirklich abgelaufen ist. Was ich aber damals daraus gezogen habe, dass durchsetzten mit Schmerz zu tun hat. „Das Pferd müsse mal ordentlich in die Grenzen verwiesen werden.“ Das hat mir damals als 9/10 jährige schon widerstrebt. Wieso sollte es dann heute anders sein. 🤷🏻‍♀️

Meine „Erziehung“ ist liebevoll aber konsequent. Ich gebe keine Befehle sondern stelle Fragen. trotzdem bin ich das „Alpha Tier“ dem mein Pferd gern folgt und natürlich gibt es „Regeln“, an die sich jeder hält. Das gibt Sicherheit, was für Pferde sehr wichtig ist.

Wenn ein Pferd unter mir steigt, buckelt, nicht vorwärts will oder sonstige andere „Unarten“ zeigt, würde ich mich immer als erstes fragen was die Ursache sein kann. Liegt es daran das es Schmerzen, Verspannungen, Blockaden hat oder vielleicht der Sattel nicht richtig passt. 🤷🏻‍♀️

Ich bin der festen Überzeugung, wenn wir unseren Pferden zuhören, wenn wir ihre Meinung wahrnehmen und wenn wir fein mit unseren Pferden kommunizieren, dann werden sie uns dafür unglaublich dankbar sein, viel lieber mit uns zusammenarbeiten und motivierter sein. Sie werden sich einbringen und Spaß an der Arbeit haben.

Die Frage, die sich also jeder Pferdeverrückte stellen sollte:

Will ich einen Partner an meiner Seite haben, der gern mit mir arbeitet, der sich an meiner Seite wohl fühlt und dem ich zu 100% vertrauen kann oder eine „Maschine“, die funktioniert, die aber Angst vor den möglichen Konsequenzen hat und uns nur deswegen folgt, ich aber immer im Hinterkopf haben muss, dass es etwas geben kann, vor dem es noch mehr Angst hat.

Eins ist sicher, die Antwort eurer Pferde glaube ich zu wissen. 🍀💚